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Luftwaffenchef Markus Gygax warb beim Neujahrshöck der FDP Schönenwerd für ein neues Kampfflugzeug

Braucht die Schweizer Armee gut ausgerüstete Bodentruppen oder ein neues Kampfflugzeug? Wenn sie nicht bloss ein Feigenblatt sein will, braucht sie beides, meinte KKdt Markus Gygax, Chef der Luftwaffe, am Freitag bei der FDP Schönenwerd.

VON CHRISTIAN VON ARX


Rafale, Eurofighter und Gripen: Diese drei Flugzeuge hat die Schweizer Luftwaffe letztes Jahr getestet. Der Evaluationsbericht geht im März an Verteidigungsminister Maurer. Welches Flugzeug ist nun das beste für die Schweiz? «Wenn ich das jetzt sage, habe ich am Sonntag ein Problem! », bat Korpskommandant Markus Gygax die rund 50 Zuhörer am Neujahrshöck der FDPOrtspartei im Casino Schönenwerd um Verständnis.

Aber braucht die Armee überhaupt ein neues Kampfflugzeug? Immerhin zu dieser Grundfrage legte der Luftwaffenchef in Schönenwerd das klare Bekenntnis ab, das man von ihm erwarten durfte: Die Armee brauche beides – sowohl gut ausgerüstete Bodentruppen wie auch minimale Fähigkeiten in der Luft. Denn als Alternative bliebe nur noch die Hoffnung, «dass es die Verteidigung nie mehr braucht».

GYGAX PACKTE sein Publikum mit der Frage, wie die Welt 1989 oder 1968 ausgesehen habe. Niemand konnte damals voraussehen, was sich jeweils 21 Jahre später verändert haben würde. Und wer weiss heute, was 2031 sein wird? – Für Gygax lautet die zentrale Frage, ob die Landesverteidigung dann noch ein Thema sein wird. Wenn ja, benötige die Schweiz Knowhow in der Luftaufklärung und im Kampf Luft-Boden. Wenn nein, dann seien wohl auch Artillerie und Panzer nutzlos. Die Folgerung war klar: Es macht keinen Sinn, die Mittel ausschliesslich in die Ausrüstung von Bodentruppen zu stecken und die Luftwaffe zu vernachlässigen.


GERADE DAS ABER hat die Schweiz offensichtlich schon viele Jahre lang getan. KKdt Gygax benutzte zwar keine dramatischen Worte, aber was er zu sagen hatte, musste die Zuhörer mit Sorge erfüllen. Die Schweiz ist nicht mehr in der Lage, ihre Luftwaffe rund um die Uhr in Alarmbereitschaft zu halten – zusammen mit Österreich stellt sie diesbezüglich einen «Risikoriegel » mitten in Europa dar. Mit der Ausserbetriebnahme der Mirage 2003 hat sie die Fähigkeit zur operativen Luftaufklärung verloren. Schon seit 1994 hat die Luftwaffe auch kein Flugzeug mehr für die Feuerunterstützung der Bodentruppen aus der Luft. Was den Umfang der Kampfflugzeugflotte angeht, bewege sich die Schweiz mit ihren 33 F/A- 18 und derzeit noch 54 veralteten F-5 mittlerweile in der Dimension von Österreich (15 Eurofighter) oder Portugal (27 F-16), wie Gygax mit einem sarkastischen Unterton feststellte – und jedenfalls weit hinter Ländern vergleichbarer Grösse wie Norwegen, Finnland, Belgien, den Niederlanden oder Dänemark.

 

IN VIELEN BEREICHEN habe die Luftwaffe für den Ersatz der Ende der 1970er-Jahre beschafften Tiger F-5 «vorgespart», führte der Kommandant aus: Sie nahm die Hunter- und die Mirage-Kampfflugzeuge ausser Betrieb, ebenso die weit reichenden Boden-Luft- Lenkwaffen BL-64 «Bloodhound» und die Schulungsflugzeuge Hawk, sie reduzierte den Bestand der Tiger auf die Hälfte, baute bei der Flab und den Alouette-III-Helikoptern ab und schloss fast ein Dutzend Militärflugplätze in den Alpen und Voralpen. Im ganzen VBS-Budget seien von 1998 bis 2010 rund 3,8 Milliarden Franken eingespart worden. Trotzdem reduzierten sich parallel dazu die Mittel, die der Luftwaffe für das neue Kampfflugzeug zur Verfügung stehen, zwischen 2004 und 2008 von 4 auf 2,2 Milliarden Franken: Das reicht zwar für den Kauf der Flugzeuge, aber nicht für deren Betrieb. Gygax negierte die finanziellen Probleme des Bundes nicht, zitierte aber eine «Kernbotschaft» der Departementsleitung des VBS: «Sicherheit hat einen Preis – und diesen Preis müssen wir bereit sein zu zahlen.» Und ergänzte: «Von Zeit zu Zeit braucht es eine kleine Anstrengung!» Der Luftwaffenchef machte zudem klar, dass die Armee ihre Mittel in der Luft nicht nur im akuten Konfliktfall braucht. Im Unterschied zum Boden, wo eine Aufgabenteilung zwischen Polizei und Heer besteht, hat die Luftwaffe Aufgaben im ganzen Spektrum von Frieden über Spannungszustände bis zum Konflikt. Im Luftpolizeidienst stehen die Kampfflugzeuge praktisch täglich im Einsatz und leisten 300 bis 400 Kontrollflüge pro Jahr. Dazu wird die Luftwaffe für Lufttransporte und Hilfeleistungen (mit Helikoptern) eingesetzt.

IM LAUF DES JAHRES 2010 wird der Bundesrat Farbe bekennen müssen: Sollen die Lücken im Leistungsprofil der Luftwaffe nun mit einem neuen Kampfflugzeug geschlossen werden, oder will er eine Lösung weitere Jahre hinausschieben? – Markus Gygax unterliess nicht einen Hinweis auf das, was andere europäische Staaten tun: Rund 900 neue Kampfflugzeuge würden in Europa bis 2020 beschafft. Und er erlaubte sich den Hinweis, dass mit dem Lieferstaat jeweils Kompensationsgeschäfte in gleichem Umfang ausgehandelt werden, was ein wirksames Konjunkturprogramm für die Schweizer Industrie – und für einmal nicht nur für die Bauwirtschaft – wäre. «Wir befinden uns an einer Weichenstellung: Wollen wir Sicherheit oder ein Feigenblatt namens Armee?», fragte Gygax und fügte viel sagend bei: «Im Paradies genügt ein Feigenblatt.»